| Title: | Recovery in der stationären Jugendhilfe | Language: | German | Authors: | Hagemeister, Lisa | Issue Date: | 16-Jan-2026 | Abstract: | Innerhalb dieser Arbeit wurden der Recovery-Ansatz und das Konzept der Traumapädagogik umfassend dargestellt. Es wurde herausgestellt, dass die Recoveryorientierung mit dem Ziel, den „Unheilbarkeitsmythos“ psychischer Erkrankungen durch ein neues Verständnis von Genesung beziehungsweise Recovery und den Kampf gegen (Selbst-)stigmatisierung zu überwinden, einen umfassenden Geltungsanspruch erhebt. Recoveryorientierung soll sowohl auf politischer Ebene als auch durch die Haltung der einzelnen Fachkraft und Einrichtung einen hoffnungsvollen Rahmen für die sozialpsychiatrische Arbeit mit den Klient*innen und Angehörigen schaffen. Die Traumapädagogik verfolgt durch den Einsatz konkreter Methoden das Ziel, für traumatisierte Menschen sichere Rahmenbedingungen zu schaffen, in denen diese korrigierende Beziehungserfahrungen machen können und Förderung in den Bereichen Emotionsregulation, Selbstwirksamkeit und Wahrnehmung erhalten. Es wurde die Struktur der stationären JH im Rahmen von Heimerziehung und sonstigen betreuten Wohnformen skizziert und die Klientel dieser Angebote charakterisiert. 80 % der Jugendlichen in den stationären HzE legen mindestens einen begründeten Verdacht für das Vorliegen einer Traumatisierung nahe und bringen entsprechende Entwicklungsverzögerungen, Bindungsschwierigkeiten, sonstige Verhaltensauffälligkeiten und komorbide psychische Erkrankungen mit, die die Fachkräfte vor besondere Herausforderungen stellen. Das zeigt deutlich die Relevanz geeigneter Angebote für die Klient*innen, die ihnen schlussendlich das eigenständige Führen eines zufriedenen Lebens und gleichberechtigte, gesellschaftliche Teilhabe ermöglichen. Sowohl die Traumapädagogik als auch die recoveryorientierte Arbeit fördern diese Faktoren. Beide Ansätze setzen zum Erreichen dieser und weiterer Ziele auf multiprofessionelle und interdisziplinäre Zusammenarbeit, Psychoedukation, eine ausgeprägte Angehörigen- und Beziehungsarbeit, gemeindenahe und individuell gestaltete Angebote und umfassende Partizipationsmöglichkeiten. Es wurde außerdem deutlich, dass in der Arbeit mit der benannten Klientel das authentische Auftreten der Fachkräfte und neben fachlichen Fähigkeiten das Einbringen von „Herzkompetenz“ eine große Rolle spielen. Neben diesen Parallelen zwischen den beiden Ansätzen wurden einige Differenzen herausgearbeitet, die ebenfalls einen Ausgangspunkt für die Beantwortung der eingangs genannten Forschungsfrage dieser Arbeit bieten. Hoffnung auf Recovery und ein zufriedenes Leben ist die Grundlage jeder recoveryorientierten Arbeit und muss vor allem bei den involvierten Fachkräften immer vorliegen, um die Klient*innen entsprechend unterstützen zu können. Diese Hoffnung kann unter anderem durch das Genesungsverständnis entstehen, nach welchem die Klient*innen „recovered“ sind, sobald sie ein zufriedenes und selbstbestimmtes Leben trotz gegebenenfalls bestehender Symptome führen können, indem sie lernen mit den Symptomen umzugehen. Das soll auch zu einem Abbau von (Selbst-)stigmatisierung führen. Das Einbeziehen von Peers als Mitarbeitende ermöglicht außerdem die Unterstützung der Hoffnung durch das Erleben positiver Vorbilder. Die Anforderung an die Fachkräfte sich authentisch und mit ihren eigenen Geschichten einzubringen, ermöglicht eine Klient*in-Fachkraft-Beziehung auf Augenhöhe, weil nicht an den starren Vorstellungen einer professionell-distanzierten Beziehung festgehalten werden muss. Aus diesen Inhalten des Recovery-Ansatzes wurden konkrete Interventionsvorschläge abgeleitet, wie z.B. zur Beziehungsarbeit, zur Vermittlung von Alltagskompetenzen, zum Einsatz von Peers, zur Partizipation durch SDM, zu Trialoggruppen und zum Offenen Dialog in der Angehörigenarbeit. Diese können in der stationären JH mit Jugendlichen mit Traumafolge- und komorbiden Störungen etabliert werden. Die Interventionen wurden auf die besonderen Bedarfe traumatisierter Jugendlicher bezogen. Außerdem wurde die konzeptionelle Verankerung der sieben Recovery-Prinzipien und insbesondere der Hoffnung als einrichtungs- beziehungsweise trägerweiten Leitwert und das Etablieren von ROMHPs vorgeschlagen. Gleichzeitig wurden aber auch die Herausforderungen und Grenzen des Recovery-Ansatzes dargestellt. So finden sich keine Interventionen, die die Förderung der Emotionsregulation und Wahrnehmung beinhalten und es ergeben sich Schwierigkeiten in der Umsetzung von Partizipation, Autonomieförderung, Angehörigenarbeit und Gemeindenähe. Abschließend wird die Forschungsfrage dieser Arbeit beantwortet: Inwiefern kann die Recoveryorientierung als Ergänzung zur Traumapädagogik in der stationären Jugendhilfe spezifische Bedarfe traumatisierter Jugendlicher adressieren und wie können konkrete Ansätze der Recoveryorientierung umgesetzt werden? Die Recoveryorientierung weist bezüglich der zugrundeliegenden Ziele einige Parallelen zur Traumapädagogik auf. Dennoch geht sie in vielen Punkten darüber hinaus, verfolgt einen weiteren Geltungsanspruch und umfassende gesellschaftliche und gesundheitspolitische Veränderungen. Die unterschiedlichen Geltungsansprüche lassen beide Ansätze nebeneinander bestehen, da sie sich in einigen Punkten überschneiden und in anderen ergänzen. Auch mit Blick auf die Unterstützung und Betreuung der einzelnen Klient*innen können die grundlegenden Inhalte des Recovery-Ansatzes, wie z.B. eine hoffnungsvolle Grundhaltung und das Genesungsverständnis eine sinnvolle Ergänzung zur Traumapädagogik sein. Grund dafür ist, dass sie (Selbst-)stigmatisierung abbauen, was insbesondere im Kontext von Traumatisierungen eine wichtige Rolle spielt, und den Selbstwert und die Autonomie der Klient*innen fördern können. Auch der Einsatz im Setting der stationären JH kann sinnvoll sein, da die Klient* innen hier in ihrem Alltag durch pädagogische Fachkräfte umfassend begleitet werden und somit alltäglich recoveryorientiert gearbeitet werden kann. Auf den Großteil der besonderen Bedarfe traumatisierter Jugendlicher kann mit recoveryorientierten Interventionen reagiert werden. Wichtig ist aber hervorzuheben, dass die Recoveryorientierung die Traumapädagogik ergänzen, diese aber nicht ersetzen kann und soll, denn sie weist auch deutliche Grenzen auf. Der Umfang und die in Teilen definitorische Unschärfe des Ansatzes erschwert die umfassende, konzeptionelle Ausrichtung darauf. In vielen Bereichen fehlen finanzielle und personelle Ressourcen zur umfassenden Umsetzung. Des Weiteren sind autonome Entscheidungen minderjähriger Klient*innen nur in einem beschränkten gesetzlichen Rahmen möglich und Partizipationsmöglichkeiten sind altersangemessen auszurichten. Bei beidem sind auch mögliche notwendige Einschränkungen durch Selbst- oder Fremdgefährdung durch die psychischen Erkrankungen zu beachten. Auch die recoveryorientierte Angehörigenarbeit ist im Rahmen der stationären JH und mit Rücksicht auf Traumatisierungen begrenzt umsetzbar. Die vorliegende Auseinandersetzung verfolgt das Ziel, einen ersten Einblick in thematische Zusammenhänge zu geben und Umsetzungsmöglichkeiten aufzuzeigen. Sie ist aufgrund ihres Umfangs und der zugänglichen Literatur begrenzt. Um das Thema weiter zu verfolgen und die Wirksamkeit recoveryorientierter Arbeit bei Traumatisierungen zu überprüfen, müssten, im Rahmen von umfassenden Untersuchungen, verlässliche Daten erhoben werden. Die vorliegenden Erkenntnisse deuten darauf hin, dass die Recoveryorientierung in oben definierter Form eine sinnvolle Ergänzung zur Traumapädagogik in der stationären JH sein und auf einige der spezifischen Bedarfe traumatisierter Jugendlicher recoveryorientiert eingegangen werden kann. Der Recovery-Ansatz kann und soll somit eine Ergänzung zur Traumapädagogik darstellen, diese aber nicht ersetzen. „Recovery often involves a transformation of the self wherein one both accepts ones limitation and discovers a new world of possibility.“ (Deegan 1996, 13) Genauso wie der Recoveryprozess bei den Klient*innen einen Entwicklungsprozess darstellt, kann die Etablierung der Recoveryorientierung in der stationären JH mit traumatisierten Jugendlichen positive Entwicklungen anstoßen. Genauso wie der Recoveryprozess den Klient*innen ihre Grenzen aufzeigt, wurden im Rahmen dieser Arbeit Grenzen des Recovery-Ansatzes in der stationären JH aufgezeigt. Genauso wie der Recoveryprozess den Klient*innen neue Möglichkeiten eröffnet, kann das weitere Erforschen des Einsatzes von Recoveryorientierung in der stationären Jugendhilfe neue Möglichkeiten eröffnen. |
URI: | https://hdl.handle.net/20.500.12738/18663 | Institute: | Fakultät Wirtschaft und Soziales (ehemalig, aufgelöst 10.2025) Department Soziale Arbeit (ehemalig, aufgelöst 10.2025) |
Type: | Thesis | Thesis type: | Bachelor Thesis | Advisor: | Groen, Gunter |
Referee: | Galling, Britta |
| Appears in Collections: | Theses |
Files in This Item:
| File | Description | Size | Format | |
|---|---|---|---|---|
| Recovery in der stationären Jugendhilfe_BA.pdf | 1.71 MB | Adobe PDF | View/Open |
Note about this record
Export
Items in REPOSIT are protected by copyright, with all rights reserved, unless otherwise indicated.