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Titel: Zwischen Stigma und Schuld : wie kann eine Angehörigengruppe Eltern von Menschen mit Schizophrenie unterstützen? ; Entwicklung eines recovery-orientierten Konzepts
Sprache: Deutsch
Autorenschaft: Agar, Lillian 
Erscheinungsdatum: 20-Feb-2026
Zusammenfassung: 
Die vorliegende Arbeit widmete sich umfassend der Fragestellung, wie die Soziale Arbeit mithilfe einer recovery-orientierten Angehörigengruppe Eltern von Menschen mit Schizophrenie in ihren zentralen Herausforderungen zwischen Stigma und Schuld unterstützen kann. Es wurde herausgearbeitet, dass die Eltern als häufige Hauptbezugspersonen eine zentrale Rolle bei Menschen mit Schizophrenie spielen, in der Praxis jedoch oft vernachlässigt werden und dies ihren besonderen Unterstützungsbedarf im Umgang mit ihren Belastungen durch die Erkrankung ihres Kindes begründet. Die Analyse der Arbeit zeigte, dass die Eltern häufig von gesellschaftlichen Stigmatisierungsprozessen betroffen sind und sie eine doppelte Stigmatisierung erfahren: Einerseits eine Mitstigmatisierung aufgrund allgemeiner gesellschaftlicher Vorurteile gegenüber psychischen Erkrankungen – insbesondere Schizophrenie – und andererseits gegen die Eltern selbst, indem sie in ihrer Elternrolle in Frage gestellt werden. Dies führt oftmals zusätzlich zu einer Selbststigmatisierung und besonders zu ausgeprägten Schuldgefühlen. Zudem wurde deutlich, dass die Eltern in zweifacher Weise mit Schuld konfrontiert sind: Zum einen durch die bis heute spürbaren Auswirkungen der historischen Ursachenforschung der Schizophrenie mit ihren Erklärungsansätzen, die ihnen eine Mitverantwortung an der Krankheitsentstehung und dem Verlauf zugeschrieben haben. Zum anderen durch daraus resultierende Schuldgefühle, wenn diese Zuschreibungen von ihnen als berechtigt internalisiert werden und somit eng mit der Selbststigmatisierung verknüpft sind. In der Folge fällt es vielen Eltern schwer, einen konstruktiven Umgang mit der Erkrankung ihres Kindes zu finden. Dies resultiert in sozialer Isolation, Überforderung und dem Gefühl allein gelassen zu werden – sowohl vom Hilfesystem als auch vom sozialen Umfeld. Vor diesem Hintergrund wurde ein recovery-orientiertes Konzept für eine Angehörigengruppe entwickelt, das exemplarisch zeigt, wie gezielte Unterstützung aussehen kann. Die Gruppe kombiniert verschiedene aufeinander abgestimmte Bausteine, um die zentralen Bedürfnisse der Eltern zu adressieren: Die Psychoedukation vermittelt zentrales Erkrankungswissen, schafft Sicherheit im Umgang mit dieser und entlastet von Schuld durch Aufklärung. Die Soziale Gruppenarbeit mit Selbsthilfeorientierung fördert den Austausch unter Gleichbetroffenen und wirkt durch die Gruppenzugehörigkeit der Isolation entgegen. Zudem ermöglichen der Erfahrungsaustausch und die gegenseitige Unterstützung eine emotionale Entlastung durch authentisches Verständnis und dem Gefühl, in ihrer Situation nicht allein zu sein. Zugleich bietet sie einen Raum zur Reflexion gesellschaftlich verinnerlichter Stigmata sowie Schuldzuweisungen und trägt zur Entwicklung neuer Perspektiven bezüglich ihrer Situation bei. Die Einbindung einer Peer-Person in der Gruppenleitung schafft durch ihre eigenen Erfahrungen eine besondere Nähe zu den teilnehmenden Eltern und vermittelt insbesondere Hoffnung, indem sie als Vorbild für eine gelingende Bewältigung dient. Durch die Kombination aus Fachkraft und Peer-Person in der Gruppenleitung werden vorteilhaft Fachwissen und Erfahrungswissen in der Angehörigengruppe bewusst miteinander verbunden. Der interaktive, seminaristische Charakter der Gruppe und die kontinuierliche Koproduktion innerhalb dieser orientierten sich stets an den zentralen Prinzipien des Recovery-Ansatzes: Empowerment hinsichtlich Selbstbemächtigung und Selbstwirksamkeit, Selbstbestimmung der Eltern, Ressourcenorientierung anstatt Defizitorientierung und Hoffnung auf eine Besserung ihrer Situation. Auch der angestrebte Übergang zu einer selbstorganisierten Selbsthilfegruppe trägt diesen Prinzipien Rechnung – ganz im Sinne von „Hilfe zur Selbsthilfe“. Wie wirkungsvoll der Recovery-Prozess in der Praxis konkret auch für die Angehörigen sein kann und welche zentralen Chancen er eröffnet – und somit nicht nur ein theoretisches Konstrukt bleibt – zeigt eindrucksvoll das folgende Zitat von Janine Berg-Peer, einer selbst betroffenen Mutter von einer Tochter mit Schizophrenie, die bereits in der Einleitung der vorliegenden Arbeit vor ihrer individuellen Recovery-Reise zitiert wurde: „Ich habe mich als Opfer deiner [ihrer, L.A.] Krankheit und der Psychiatrie gesehen. Auch von anderen Angehörigen hörte ich damals immer nur Klagen über die Schwierigkeiten mit dem eigenen Kind oder mit der Psychiatrie. Es gab niemanden, der mir Hoffnung machte und der mir sagte, dass man auch mit so einer Krankheit ein gutes Leben führen kann. Recovery ist für mich deshalb ein Prozess, in dem ich gelernt habe, nicht mehr Opfer der Krankheit meiner Tochter zu sein, sondern mein Leben so zu führen, wie ich es führen möchte, und dennoch auch eine Unterstützung für meine Tochter zu sein.“ (Peer/Berg-Peer 2019, 114) Dieses Zitat verdeutlicht welches Potenzial der Recovery-Prozess insbesondere für die Eltern bietet: von der Opferhaltung hin zu mehr Selbstbestimmung, entstehende Hoffnung auf einen besseren Umgang mit ihrer Situation und um eine tragende Stütze für das erkrankte Kind sein zu können. Ein Potenzial, das durch die hier entwickelte Angehörigengruppe gezielt genutzt und gefördert werden soll. Insgesamt zeigte sich, dass eine solche recovery-orientierte Angehörigengruppe einen wertvollen Bestandteil innerhalb der psychosozialen Versorgung darstellen kann. Sie trägt wesentlich zur Stärkung der individuellen Bewältigungskompetenzen sowie der Handlungsfähigkeit der Eltern bei – insbesondere im Umgang mit Stigmatisierung und Schuld. Die Soziale Arbeit nimmt hier eine Schlüsselrolle ein, indem sie gezielt einen geschützten Raum für Begegnung unter Gleichbetroffenen, Austausch mit gegenseitigem Verständnis sowie Unterstützung und einem gemeinsamen Lernprozess hinsichtlich der Bewältigung ihrer Lebenssituation schafft. Abschließend lässt sich festhalten, dass die hier entwickelte recovery-orientierte Angehörigengruppe einen praxisnahen Ansatz mit hohem Potenzial bietet, der jedoch lediglich eine Ergänzung darstellt und keine alleinige Lösung für die Unterstützung der Eltern sein kann. Nachhaltige Verbesserungen – insbesondere in Bezug auf Entstigmatisierung und Schuldentlastung – erfordern neben individuellen Unterstützungsangeboten zusätzlich auch strukturelle Ansätze sowie ein gesamtgesellschaftliches Umdenken. Erst dann kann eine langfristig wirksame Verbesserung der Lebenssituation der Eltern von Menschen mit Schizophrenie erreicht werden.
URI: https://hdl.handle.net/20.500.12738/18994
Einrichtung: Fakultät Wirtschaft und Soziales (ehemalig, aufgelöst 10.2025) 
Department Soziale Arbeit (ehemalig, aufgelöst 10.2025) 
Dokumenttyp: Abschlussarbeit
Abschlussarbeitentyp: Bachelorarbeit
Betreuer*in: Groen, Gunter  
Gutachter*in: Radeiski, Bettina 
Enthalten in den Sammlungen:Theses

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