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dc.contributor.advisorBetscher, Silke Mirjam-
dc.contributor.authorDrescher, Pauline-
dc.date.accessioned2026-03-06T10:27:23Z-
dc.date.available2026-03-06T10:27:23Z-
dc.date.created2025-07-31-
dc.date.issued2026-03-06-
dc.identifier.urihttps://hdl.handle.net/20.500.12738/19016-
dc.description.abstractAbschließend betrachte ich die theoretischen Grundlagen in Verbindung mit den dargestellten Forschungsergebnissen, um meine drei grundlegenden Forschungsfragen zu beantworten. Wie erleben Menschen ohne Obdach Gewalt in ihrem Alltag? Welchen Umgang finden sie damit? Welche Gründe lassen sich für diese Gewalttaten herausstellen? Die Interviewpartner:Innen charakterisieren die Begriffe Obdachlosigkeit und Gewalt unter bestimmten Aspekten aus ihrer alltäglichen Erfahrung heraus. Durch die Forschung lässt sich primär herausstellen, dass Menschen ohne Obdach das Leben als eine mehrdimensionalen Mangelerfahrung erfahren, was in dem ersten Kapitel dieser Arbeit benannt wurde. Ihr Alltag ist als Resultat diverser Prekarisierungsprozesse zu benennen und bringt viele Entbehrungen mit sich. So beschreiben sie unterschiedliche Aspekte von Krankheiten und Verletzungen, die schlechte eigene psychische Verfassung und den Konsum von Alkohol und Drogen, sowie die fehlende Möglichkeit, Eigentum an einem sicheren Ort aufzubewahren. Neben dem eben Genannten wird auch Einsamkeit als zur Normalität gehörig beschrieben, was für einige der Interviewten die Trennung von der Familie oder auch den Mangel von anderen tiefer verbindenden sozialen Kontakten und Freundschaften beinhaltet. In der Definition der Obdachlosigkeit, die von den Interviewpartner:Innen selbst getroffenen wurde, ist das Leben auf der Straße untrennbar mit Gewalt verbunden. So stehen sie zum Teil in einer dauerhaft lebensbedrohlichen Lage und sehen Gewalt als Teil ihrer Normalität. Deshalb wird das Überleben als einziges angestrebtes Ziel für jeden Tag benannt, was sehr komplex ist und weshalb die Notwendigkeit besteht, ein „Lebenskünstler“ zu werden. Außerdem erleben sie sich zum einen als aus der Gesellschaft ausgegrenzt und zum anderen als Teil von Gesellschaft, aber auf einer niedrigeren Ebene, also herabgesetzt gegenüber anderen. Dabei wird der Wunsch deutlich, dass man ihnen gegenüber mit einer Sichtweise der Gleichwertigkeit auf der Basis, dass sie in der Obdachlosigkeit menschliche Wesen bleiben, begegnet. In den Erzählungen der Betroffenen bestätigt sich die Annahme, dass sich Obdach-und Wohnungslosigkeit nicht strikt voneinander differenzieren lassen, da viele in einem ständigen Wechsel der Unterkunftsformen und Aufenthaltsorte stehen, was zu einer dauerhaften Verunsicherung führen kann. Bei der Definition von Gewalt in der Obdachlosigkeit lassen sich die verschiedenen Formen wie physische und psychische Gewalt, Schaden durch Unterlassung und strukturelle Gewalt in den Schilderungen der Betroffenen wiederfinden. Dazu passend werden beispielsweise Diebstahl, Stigmatisierung und Abwertung, körperliche Gewalt und auch gesellschaftliche und politische Verdrängungsdynamiken immer wieder geschildert. Eine Besonderheit darin liegt in der Wahrnehmung der ersten interviewten Person, die diese Aspekte nicht als Gewalt, sondern als schlechtes menschliches Verhalten einordnet, weil sie Erfahrungen mit schwerer Gewalt im Militär gemacht hat. Zu dem Erleben von Gewalt in dem Alltag obdachloser Menschen lässt sich feststellen, dass Gewalt im Leben der Befragten teilweise auch vor der Obdachlosigkeit eine Rolle spielte, beispielsweise bei Erfahrungen von Zwang und sexualisierter Gewalt im Kinderheim, der Familie, der Schule und von schwerer Gewalt in Einsätzen des Militärs. Dies könnte unter Umständen zu einer veränderten Wahrnehmung, psychischer Belastung und weiterer Gewalt, die beispielsweise durch Trauma-Reaktionen ausgelöst wird, führen. Die Interviewpartner:Innen berichteten alle, dass sie bereits Diebstahl in der Obdachlosigkeit erlebt haben, wobei das Handy, Bargeld und andere Gebrauchsgegenstände geklaut wurden und es deshalb als normal wahrgenommen wird. Jedoch wird es als schlimmster Fall bewertet, wenn die Ausweisdokumente gestohlen werden. Einige berichten von Beleidigungen, in denen sie sich von anderen obdachlosen Personen missverstanden gefühlt haben oder von Personen außerhalb des Milieus stigmatisiert wurden. Zur physischen Gewalt werden von einer Person mehrere lebensgefährlichen Situationen geschildert, beispielsweise durch Schläge auf den Kopf. Außerdem wurden Aspekte von angedrohter bzw. zu befürchtender Gewalt in den Interviews genannt, wie in bei den Erlebnissen in der Drückerkolonne von dem fünften Interviewpartner. Die Interviewte Sozialarbeiterin benannte bestimmte vulnerable Gruppen, nachdem sie sagte, dass alle in ständiger Gefahr sind, wenn sie auf der Straße leben. Insbesondere gefährdet davon, Opfer von Gewalt zu werden, sind dennoch drogensüchtige Personen, Menschen, die Gliedmaßen verloren haben, Kinder, Jugendliche, junge Erwachsene und weiblich gelesene Personen, vor allem bei sexualisierter Gewalt in der verdeckten Wohnungslosigkeit. Außerdem ist der Schlafsack ein gefährdender Faktor, der beim Schlafen die Möglichkeiten zur Verteidigung einschränkt. Bei der erfahrenen Gewalt wurde die strukturelle Gewalt durch die Sozialarbeiterin und beispielhaft bei den Betroffenen nahezu am tiefsten erläutert. Dabei spiegeln sich Missachtung und Stigmatisierung in Sichtweisen wieder, die Menschen ohne Obdach als zu nichts fähig oder ekelhaft bezeichnen. Besonders relevant ist die Kriminalisierung der Armut und die dadurch entstehende Illegalisierung der Überlebensstrategien, was bewirkt, dass bettelnde Menschen beispielsweise weiter verdrängt und unsichtbar gemacht werden. Obdachlose Personen werden zudem durch sozialpolitische und architektonische Maßnahmen verdrängt, was an den Erläuterungen zu Vorgehensweise der „Sicheren Allianz“ und zu defensiver Architektur in der Stadt Hamburg deutlich wird. Zu der Problematik der Verdrängung wird verdeutlicht, dass den ausgegrenzten Personen die Zugänge in jegliche Netzwerke der Gesellschaft zu großen Teilen versperrt werden und sie deshalb häufig nicht mehr in die klassischen Strukturen zurück finden. Die Gründe für die Obdachlosigkeit an sich lassen sich zum Teil auch dem Aspekt der strukturellen Gewalt zuordnen. Dabei besteht eine sehr individualisierende Sichtweise und die Schuld für die Problemlage wird den Einzelnen zugeschrieben, wie es bereits im 19. Jahrhundert der Fall war. Stattdessen sind vielmehr strukturelle Ursachen ausschlaggebend für die Obdach- und Wohnungslosigkeit, wie die Überforderung im Hilfesystem oder die Wohnungsknappheit und Diskriminierungen im Wohnungsmarkt, was sich auch darin zeigt, dass kein gelingender Übergang von einer öffentlich-rechtlichen Unterkunft in eine eigene Wohnung geschaffen wird. Hinzu kommen die mangelhafte Versorgung von körperlichen und psychischen Erkrankungen und prekäre Arbeitsverhältnisse, die am Beispiel von der Arbeit an der Infrastruktur der Hafen City in Hamburg, die über den Schwarzmarkt organisiert wurde, erwähnt wurden. Anhand der Forschungsergebnisse wird bestätigt, dass bei der Gewalt in ihren verschiedenen Formen immer die Schädigung des Individuums im Zentrum steht. Die Verwirklichung des Potentials der Einzelnen wird durch die Strukturen oder andere Individuen begrenzt, sodass sich die Menschen ohne Obdach in ihren spezifischen Problemlagen befinden, obwohl das vermeidbar wäre. Im Sinn der zu Beginn der Arbeit angeführten wissenssoziologischen Perspektive ist zu betonen, dass Gewalt in bestimmten Fällen durch eine gelenkte Thematisierung staatlich legitimiert wird. Die strukturelle Gewalt gegen obdachlose Personen findet auch durch staatliche Instanzen ihre Ausführung, sodass sie aktiv gegen die Personen genutzt und akzeptiert wird. Noch weitergehend gesteigert, lässt sich feststellen, dass strukturelle ewalt gegen obdachlose Menschen gänzlich negiert wird, wenn man sie nicht als Grund für die Obdachlosigkeit betrachtet und stattdessen den Einzelnen die Schuld zuschreibt. Insgesamt entsprechen die beschriebenen Erfahrungen zu großen Teilen den statistisch festgestellten Verteilungen in der Betroffenheit von Gewalt. Alle der Interviewten berichteten generell von erlebter Gewalt und auch der Aspekt, dass weiblich gelesene Personen in der Obdachlosigkeit häufiger von sexualisierter Gewalt betroffen sind, bestätigt sich in den Schilderungen aus dem zweiten Interview. Von Diskriminierungen und Abwertungen, die von Menschen außerhalb des Milieus ausgehen, wird in den Interviews nicht in dem Maße berichtet, wie es den Statistiken entsprechen würde. Als Umgangsformen mit der erlebten Gewalt zeigen die Betroffenen verschiedene interne und externe Reaktionen, sowie mit der Zeit erlernte Verhaltensweisen zum Selbstschutz. Intern reagieren die Interviewten zum Teil mit Gleichgültigkeit bei Diebstahl und andererseits mit wirklicher Betroffenheit und Kränkung im Fall von Stigmatisierungen, wobei man in dem Beispiel merken konnte, dass die erzählende Person darum gekämpft hat, intern ein positives Selbstbild aufrechtzuerhalten. Dagegen bestehen die externen Reaktionen im Ausweichen von Konflikten und der Flucht bzw. dem Zwang, ständig in Bewegung zu sein. Andere Personen zeigen vielmehr Reaktionen, die sich gegeneinander richten und sich in der konkreten Anwendung von Gewalt und Schuldzuweisungen untereinander ausdrücken. Die Verhaltensweisen zum Schutz vor Gewalt unterscheiden sich ebenso interpersonell. So halten sich manche lieber in Gruppen auf, während einer der Interviewten sehr betont, dass er allein unterwegs ist, um nicht die Kontrolle zu verlieren und Konfliktsituationen frühzeitig erkennen zu können, um sich aktiv davon zu entfernen. Ein anderer der Betroffenen betont die Notwendigkeit davon, das Verhalten des Gegenübers zu spiegeln, um Konflikte zu vermeiden. Auch das Hinzuziehen der Polizei und der Besitz eines Hundes werden als ausschlaggebend erwähnt. Ein letzter auffälliger bzw. kontroverser Schutzmechanismus ist die Anwendung von Gewalt, um unter den Menschen ohne Obdach einen gewissen Status zu erlangen und selbst nicht angegriffen zu werden, was von der ersten interviewten Person angewandt wurde. Bei den Hintergründen von der Gewalt gegen obdachlose Personen sind vor allem strukturelle und institutionelle Rahmenbedingungen im Fokus. So wirken sich die unzureichende Versorgung und das Entlassungsmanagement in den Krankenhäusern und Psychiatrien begünstigend auf erfahrene und auch ausgeübte Gewalt aus. Außerdem besteht eine sehr hohe Nachfrage in den Einrichtungen der Hilfe, während die finanziellen Mittel zugleich sehr begrenzt sind, sodass da ein extremer Konkurrenzkampf entsteht. Die Bedingungen in den Notunterkünften und auf dem Wohnungsmarkt verstärken das Konfliktpotential, auch unter dem Aspekt, dass Zugänge verweigert werden und eine große Perspektivlosigkeit besteht. So wird Gewalt eindeutig als Ausdruck von Hilflosigkeit und dem Gefühl, auf sich allein gestellt zu sein, bezeichnet. Insgesamt bildet die strukturelle Gewalt also „das Fundament der Chancenungleichheit der Einzelnen innerhalb der Gesellschaft, durch die andere Gewaltformen sich überhaupt erst legitimieren“ (Galtung 1975, ind. zit. n. Benkel 2023, 12). In den Interviews werden vereinzelt Gründe für Gewalt, die von Menschen ohne Obdach ausgeht, genannt. Sehr häufig kommen dabei die Auswirkung von Alkohol und Drogenkonsum zur Sprache, sowie der Kampf ums Überleben, wenn man beispielsweise die Hintergründe von Diebstahl betrachtet. Zudem werden Konflikte genannt, die durch Schwierigkeiten in der Kommunikation miteinander entstehen, was auch in den Zusammenhang damit gestellt wird, dass einige der Personen ausschließlich Gewalt als Mittel zur Konfliktlösung erlernt haben. Zu der Gewalt, die von Menschen außerhalb des Milieus der Obdachlosigkeit ausgeübt wird, ist die strukturelle Gewalt als Grundlage zu nennen. So prägen politische bzw. städtische Maßnahmen in der Art und Weise ihrer Ausführung das Menschenbild der Einzelnen gegenüber Menschen ohne Obdach. Ein weiterer Grund könnte die offene Konfrontation mit der Armut sein und eine daraus entstehenden Angst, selbst in diese Problemlage zu kommen, weil klar wird, dass das gesellschaftlich zugelassen ist. Daraus entstehen dann Dynamiken der Kriminalisierung und Stigmatisierung. Insgesamt fordern einzelne Aussagen der interviewten Personen, sowie die generelle Betrachtung der Ergebnisse dieser Arbeit eine Veränderung der Sichtweise auf obdachlose Personen und vor allem in der Versorgung von Hilfesuchenden heraus. Die interviewte Sozialarbeiterin appelliert so, dass die Soziale Arbeit aktiv anwaltschaftlich für die Betroffenen agieren muss, um die gesellschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen zu verändern, bedürfnisorientiert zu arbeiten und der Individualisierung von Problemlagen entgegenzuwirken. Es sollen erneut Zugänge geschaffen werden, um der dauerhaften Ausgrenzung entgegenzuwirken.de
dc.language.isodeen_US
dc.subject.ddc300: Sozialwissenschaften, Soziologieen_US
dc.titleObdachlosigkeit und Gewalt : Erfahrungen, Umgangsformen und Hintergründe ; eine forschungsbasierte Ausarbeitungde
dc.typeThesisen_US
openaire.rightsinfo:eu-repo/semantics/openAccessen_US
thesis.grantor.departmentFakultät Wirtschaft und Soziales (ehemalig, aufgelöst 10.2025)en_US
thesis.grantor.departmentDepartment Soziale Arbeit (ehemalig, aufgelöst 10.2025)en_US
thesis.grantor.universityOrInstitutionHochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburgen_US
tuhh.contributor.refereeTiedeken, Peter-
tuhh.identifier.urnurn:nbn:de:gbv:18302-reposit-235572-
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tuhh.publication.instituteFakultät Wirtschaft und Soziales (ehemalig, aufgelöst 10.2025)en_US
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tuhh.type.opusBachelor Thesis-
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dc.type.dinibachelorThesis-
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