| Title: | Wenn ein Geschwisterkind an Krebs erkrankt : mögliche Auswirkungen auf das gesunde Geschwisterkind und ihre Geschwisterbeziehung im familiären Kontext | Language: | German | Authors: | Schmidt, Katrin | Issue Date: | 2-Oct-2025 | Abstract: | Zusammenfassend kann festgestellt werden, dass die Krebserkrankung eines Kindes eine tiefgreifende Belastung für das gesamte Familiensystem darstellen kann. Auch die Geschwisterbeziehung, die sich typischerweise durch eine besondere Form sozialer Nähe, gegenseitige Vertrautheit, geteilte Alltagswelten und emotionale Ambivalenz auszeichnet, kann durch die Erkrankung strukturelle, emotionale und funktionale Veränderungen erfahren. Dabei betreffen diese nicht nur das unmittelbare Miteinander der Kinder, sondern sind eingebettet in komplexe familiendynamische Prozesse. Da die Familiensystemtheorie die Familienrealität nicht als objektiv, sondern als von den einzelnen Mitgliedern subjektiv mitgestaltet, betrachtet wird (vgl. Jungbauer 2014, 30), kommt dem subjektiven Erleben der gesunden Geschwister eine wesentliche Rolle zu. Wie im vierten Kapitel deutlich wurde, spielen in diesem Zusammenhang vor allem das Krankheitsverständnis und das möglicherweise als ungerecht empfundene ungleichmäßige Verhältnis der Aufteilung elterlicher Aufmerksamkeit eine bedeutende Rolle. Die dieser Arbeit zugrundeliegende Frage, inwiefern die onkologische Erkrankung eines Kindes in der akuten Behandlungsphase die familiäre Situation von Vorschulkindern als gesunde Geschwister beeinflussen und welche Auswirkungen dies langfristig auf die Geschwisterbeziehung haben kann, lässt sich somit zusammenfassend wie folgt beantworten: Die zuvor geteilte Lebenswelt der Geschwister wird oft durch häufige Klinikaufenthalte, medizinische Eingriffe und organisatorische Umstellungen im Familienalltag unterbrochen, was zu einer räumlichen und emotionalen Distanz zwischen den Geschwistern führen kann (vgl. Finkbeiner/ Bergsträsser 2017, 650). Besonders im Vorschulalter, in dem Kinder stark auf direkte Interaktion und emotionale Nähe angewiesen sind und ihr Krankheitsverständnis von irrationalen Vorstellungen geprägt ist, kann dies das Erleben von Beziehungssicherheit beeinträchtigen. Dabei ist ein zentrales Merkmal der veränderten Geschwisterbeziehung die Verschiebung von Rollen und Verantwortlichkeiten. Viele gesunde Kinder nehmen in dieser Situation ihre eigenen Bedürfnisse zurück und zeigen ein hohes Maß an Anpassungsfähigkeit. Während sich manche Kinder durch ihr Engagement als tragende Stützen der Familie erleben und daraus Selbstwert und Handlungskompetenz schöpfen, kann dies für andere eine Überforderung darstellen, insbesondere dann, wenn emotionale oder soziale Unterstützung fehlt. Hinzu kommt, dass sich die elterliche Aufmerksamkeit häufig auf das erkrankte Kind konzentriert. Auch wenn diese Zuwendung medizinisch notwendig und emotional nachvollziehbar ist, kann sie von den gesunden Geschwistern als Zurücksetzung erlebt werden. Dadurch können die betroffenen Kinder in ein Spannungsfeld widersprüchlicher Gefühle geraten, die Eifersucht, Trauer, Schuld, aber auch Fürsorge und Stolz miteinschließen. Diese Ambivalenzen können die Geschwisterbeziehung häufig nachhaltig beeinflussen, insbesondere wenn das gesunde Kind keine Möglichkeit hat, über seine Gefühle zu sprechen oder diese auszudrücken. Die systemische Perspektive bietet mit dem ABCX-Modell von Hill (1958) einen theoretischen Zugang zur Analyse dieser Dynamiken. Ob sich eine Krise (X) auf familiärer oder individueller Ebene entwickelt, hängt maßgeblich vom Zusammenspiel der Stressoren (A), von vorhandenen Ressourcen (B) und der subjektiven Bewertung (C) ab. Die Geschwisterbeziehung kann in diesem Kontext sowohl als Risikofaktor, etwa bei Eifersucht oder Schuldgefühlen, als auch als Schutzfaktor durch Fürsorge, Solidarität und gegenseitige Unterstützung wirksam sein (vgl. Leiss/ Di Gallo 2018, 226; Tröster 2013, 105f.; Kaufmann 2022, 4f.). Insgesamt zeigen die analysierten Befunde, dass das Erleben und Verhalten gesunder Vorschulkinder maßgeblich vom individuellen familiären Kontext und vielen verschiedenen Faktoren abhängt, die sich wechselseitig beeinflussen. Abgesehen von den bereits genannten Einflussfaktoren ist auch der qualitative Zustand der Geschwisterbeziehung vor Eintritt der Erkrankung zu berücksichtigen und zu hinterfragen, ob sich jede Veränderung der Beziehung ausschließlich auf die Krebserkrankung zurückzuführen lässt oder nicht auch andere Einflussfaktoren für Veränderungen ursächlich sein können. In diesem Zusammenhang stellt sich auch die Frage nach der Definition und Bewertung von Beziehungsqualität, wer diese bestimmt und anhand welcher Kriterien eine Geschwisterbeziehung als gut gilt. Weiterführende Dimensionen ergeben sich aus der Auseinandersetzung mit dem Krankheitsverständnis und der Verarbeitung von lebensbedrohlichen oder lebensbeendenden Erkrankungen. Diese Aspekte eröffnen Anschlussmöglichkeiten für weiterführende Forschungsfragen im Kontext von kindlicher Trauer, existenzieller Erfahrung und kindlichem Todesverständnis. Der derzeitige Forschungsstand zur Thematik psychosozialer Erfahrungen von Geschwistern an Krebs erkrankter Kinder ist als begrenzt einzuschätzen. Um belastbare Aussagen treffen zu können, sind künftig weiterführende Untersuchungen mit größeren und differenzierteren Stichproben erforderlich. Einige Aussagen basieren auf Literatur, die sich eher auf Geschwistern von behinderten Kindern beziehen oder nicht zwischen chronischer Erkrankung oder Behinderung differenzieren. Zwar lassen sich viele Erkenntnisse auf die Krebserkrankung übertragen, da sie zu den chronischen Erkrankungen zählt, jedoch mangelt es an spezifischer Literatur, insbesondere mit Blick auf entwicklungspsychologische Aspekte und altersspezifische Differenzierungen. Im Rahmen dieser Arbeit wurde sich zwar auf Vorschulkinder fokussiert, was sich jedoch hauptsächlich in Bezug zum Krankheitsverständnis in dieser Entwicklungsstufe widerspiegelt. Inwiefern der in Kapitel 4 erwähnte Leistungsabfall und Schulverweigerung auch für diese Altersgruppe zutrifft, wurde aus der Recherche nicht ersichtlich. Es lässt sich jedoch vermuten, dass auch diese Kinder sich verweigern in die Kita zu gehen oder Entwicklungsrückschritte machen, was sich zum Beispiel durch Bettnässen zeigen kann. Auch in Bezug auf die Übernahme von Aufgaben im Haushalt wird in der Literatur keine Altersunterscheidung vorgenommen. Eine differenzierte Analyse weiterer Einflussfaktoren wie Altersabstand, Geschwisteranzahl, elterliches Verhalten oder Umfang der kindgerechten Aufklärung über die Erkrankung wäre notwendig. Für die pädagogische Praxis ist es jedoch sekundär, ob es sich konkret um eine Krebserkrankung handelt oder ein anderer belastender Stressor auf das Familiensystem einwirkt. Entscheidend ist das Bewusstsein dafür, dass familiäre Belastungen, unabhängig von deren Ursache, Auswirkungen auf die kindliche Entwicklung und insbesondere auf die Geschwisterbeziehung haben können. Dabei spielt das unterstützende Umfeld eine zentrale Rolle, vor allem im Hinblick auf die Wahrnehmung des Stressors, welche das Erleben und die individuelle Verarbeitung maßgeblich beeinflusst. Die Unterstützung durch pädagogische Fachkräfte kann damit einen wichtigen Beitrag zur Stabilisierung des familiären Systems leisten, indem sie die Geschwisterkinder entlasten, stärken und ihnen Raum zur individuellen Verarbeitung geben. Grundsätzlich wäre es sinnvoll, auch Geschwisterbeziehungen ohne Erkrankung in der pädagogischen Arbeit mit den Kindern mehr zu berücksichtigen, denn wie treffend bereits Dreikurs formulierte: „Man kann ganz einfach kein Kind unabhängig von seinen Geschwistern verstehen“ (Dreikurs, 1933 zit. n. Frick 2015, 32). Dieses Zitat unterstreicht die zentrale Bedeutung der Geschwisterbeziehung für das Verständnis kindlicher Entwicklung in ihrer sozialen und psychischen Dimension. Auch die eigenen Geschwistererfahrungen zu reflektieren und nicht auf die Kinder unbewusst zu übertragen, stellt hier einen zentralen Aspekt der professionalen, pädagogischen Arbeit dar. Abschließend bleibt festzuhalten, dass die Krebserkrankung eines Geschwisters mit hoher Wahrscheinlichkeit Einfluss auf das gesunde Geschwisterkind und die Qualität der Geschwisterbeziehung nimmt. Dieser Einfluss ist jedoch von vielfältigen Faktoren abhängig und muss stets im jeweiligen familiären Kontext, sowie unter Berücksichtigung des Entwicklungsstandes der betroffenen Kinder, betrachtet werden. Allgemeingültige Aussagen sind daher nicht möglich, sodass diese Arbeit auch keinen konkreten Handlungsleitfaden formulieren kann. Sie eröffnet jedoch die Möglichkeit, sich vertieft mit der Thematik der Geschwisterbeziehungen im Kontext schwerer Erkrankungen auseinanderzusetzen, eigene Geschwistererfahrungen kritisch zu reflektieren, ohne diese unbewusst auf betroffene Kinder zu übertragen, und sensibilisiert Fachkräfte für die besonderen Bedürfnisse dieser Kinder. |
URI: | https://hdl.handle.net/20.500.12738/19353 | Institute: | Fakultät Wirtschaft und Soziales (ehemalig, aufgelöst 10.2025) Department Soziale Arbeit (ehemalig, aufgelöst 10.2025) |
Type: | Thesis | Thesis type: | Bachelor Thesis | Advisor: | Weidtmann, Katja |
Referee: | Buschhorn, Claudia |
| Appears in Collections: | Theses |
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