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Titel: Stigmatisierung von Migrant*innen in Deutschland
Sprache: Deutsch
Autorenschaft: Ostrš, Jelena 
Erscheinungsdatum: 6-Feb-2026
Zusammenfassung: 
Die vorliegende Thesis verfolgt das Ziel, die Theorie der Stigmatisierung auf Migrant*innen in Deutschland anzuwenden und die daraus resultierenden Auswirkungen, insbesondere auf der strukturellen Ebene am Beispiel von Racial Profiling, anzuführen. Dies wurde anhand der kollaborativen Stadtteilforschung in Hamburg „Racist Profiling“ auf St. Pauli untersucht. Dafür wurde zunächst der Begriff der Stigmatisierung umfassend beleuchtet und anhand der Theorien von Erving Goffman und Manfred Hohmeier erläutert, sowie durch weitere wissenschaftliche Literatur ergänzt. Demzufolge beschreibt Stigmatisierung soziale Prozesse in denen Menschen aufgrund von Stigmata kategorisiert werden und entsprechende Eigenschaften und Verhaltensweisen zugeschrieben bekommen. Es wurde deutlich, dass Menschen wegen bestimmten Merkmalen und den damit verbundenen Zuschreibungen diskriminiert werden und nicht wegen der tatsächlichen Persönlichkeit oder Verhalten der Person selbst (vgl. Goffman 2016, 10ff.; Hohmeier 1975, 6f.). Diese Merkmale sind nicht per se Stigmata, sondern werden in sozialen Prozessen von der Mehrheitsgesellschaft erst als solche definiert (vgl. Tröster/Pulz 2020, 174). Dementsprechend müssen Stigmata immer im Kontext von historischen, gesellschaftlichen und strukturellen Machtverhältnissen gesehen werden. Stigmatisierung kann sich auf die individuelle Ebene als antizipiertes, erlebtes und internalisiertes Stigma auswirken. Sowohl die Stigmatisierungserfahrungen als auch die negativen Zuschreibungen, die mit einem Stigma einhergehen, können zu einer beschädigten Identität führen (vgl. Tröster/Pulz 2020, 175f.). Hierbei wurde kritisiert, dass eine pauschalisierende Unterstellung von einer beschädigten Identität die Betroffenen in eine abhängige, passive Rolle drängt und ihnen ihre Handlungsmöglichkeiten aberkennt (vgl. Major/Eccleston 2005, 71ff.). Auf der sozialen Ebene wurde darauf eingegangen, wie die Mitglieder der Mehrheitsgesellschaft stigmatisierte Individuen diskriminieren und sozial ausschließen (vgl. Goffman, 2016, 28f.; Major/Eccleston 2005, 63). Der soziale Umgang von Stigmaträger*innen hängt maßgeblich von der Visibilität des Stigmas ab. Diskreditierbare können die Information um ihr eigenes Stigma managen, indem sie dieses verschweigen oder nur gezielt offenbaren. Diskreditierte hingegen sind zwangsläufig mit den Auswirkungen ihres Stigmas konfrontiert und müssen die daraus entstehenden so-zialen Spannungen managen (vgl. Goffman 2016, 56ff.). Die vorliegende Thesis legt dar, inwiefern Stigmatisierung sich strukturell als Exklusion Stigmatisierter auf die gesellschaftlichen Teilhabe auswirkt. Des Weiteren legitimiert Stigmatisierung bestehende Macht- und Ungerechtigkeitssysteme, sowie sie Diskriminierungen und Ausbeutungen von Minderheiten unterstützt und reproduziert (vgl. Hohmeier 1975, 10ff.; Goffman 2016, 14; Tröster/Pulz 2020, 174). Anschließend wurde ein Überblick über Migration in Deutschland gegeben. Indem zuerst die unterschiedlichen Migrationsformen und – gründe aufgezeigt wurden, wurde verdeutlicht, wie vielfältig und komplex Migration ist (vgl. Oltmer 2020, 28ff.). Zudem wurde anhand der vier historischen Migrationsbewegungen nach dem zweiten Weltkrieg aufgezeigt (vgl. Kuhnt/Wengler 2019, 196f.), inwiefern Deutschland sich zu einer Migrationsgesellschaft entwickelt hat. Eine kurze Einführung in die Integration von Migrant*innen und die gesellschaftliche Teilhabe verdeutlichte, dass trotz fortschreitender Pluralisierung der Gesellschaft weiterhin soziale Unterschiede und Herausforderungen bestehen, was die gleichberechtigte Teilhabe von Menschen mit Migrationshintergrund in der Gesellschaft betrifft (vgl. DeZIM e.V. 2025, 7). Aufgrund dieser Vielfältigkeit ist es nicht möglich, pauschal von einer Stigmatisierung von Migrant*innen zu sprechen (vgl. El-Mafaalani 2023, 489). Denn eine eigene Migrationsgeschichte oder ein Migrationshintergrund führt nicht zwangsläufig dazu, dass diejenigen von der Mehrheitsgesellschaft als abweichend wahrgenommen und dementsprechend behandelt werden (vgl. Treibel 2008, 298). Vielmehr hängt dies mit der Wahrnehmung der Mitglieder der Mehrheitsgesellschaft von den Individuen zusammen. Migration stellt so nicht pauschal ein Stigma dar. Allerdings können rassifizierte Merkmale, die von der Mehrheitsgesellschaft mit rassistischen Stereotypen assoziiert sind, durchaus als Stigmata fungieren (vgl. El-Mafaaleni 2023, 489). Die Stigmatisierung und Diskriminierung hängen somit von den rassistischen gesellschaftlichen Stereotypen ab, und welche Eigenschaften den jeweiligen Individuen aufgrund der Stigmata zugeschrieben werden (vgl. Koikkalainen/Pyrhönen/Wahlbeck 2022, 309). Hierbei spielen mediale Darstellungen von Migrant*innen eine große Rolle. Der mediale und damit einhergehende öffentliche Diskurs über Migration ist häufig pauschalisierend, wissenschaftlich ungenau und negativ verzerrt. Migrant*innen werden medial vor allem in Sicherheits- und Bedrohungskontexten als Problem dargestellt. Dies beeinflusst, verfestigt und reprodu-ziert rassistische Stereotype (vgl. Koikkalainen/Pyrhönen/Wahlbeck 2022, 327f.). Abschließend wurde auf die Leitfrage der vorliegenden Arbeit eingegangen, inwiefern sich Racial profiling als strukturelle Stigmatisierung von Migrant*innen auswirkt. Racial Profiling be-schreibt polizeiliche Maßnahmen, die auf äußerlich wahrnehmbaren, rassifizierten Merkmalen beruhen (vgl. Textor 2023, 20). Dementsprechend beruht diese Polizeipraktik auf den rassistischen und stereotypisierenden Annahmen, dass die Herkunft eines Menschen und ein kriminelles Verhalten miteinander verknüpft sind (vgl. Golian 2019, 178). Menschen werden bewusst oder unbewusst aufgrund von Stigmata rassifiziert und ihnen wird damit einhergehend eine gewisse Kriminalität oder Illegalität zugeschrieben (vgl. Textor 2023, 20f.). Dies verdeutlichten und untermauerten die Ergebnisse der kollaborativen Stadteilforschung „Racist Profiling auf St. Pauli“ aus dem Jahr 2021. Dabei wurde festgestellt, dass PoCs in dem als polizeiliche Sonderrechtszone deklarierten Viertel St. Pauli von Polizist*innen gezielt und anlasslos kontrolliert wurden. Diese auf Stigmatisierungen beruhenden Kontrollen gingen oftmals mit rassistischen Äußerungen, sowie der Anwendung von Polizeigewalt einher. Die Befragten berichteten in diesem Zusammenhang von Gefühlen wie Angst, Scham, des Ausgeliefertseins, Entwertung, Verzweiflung und Enttäuschung über das Rechtssystem in Deutschland. Zusätzlich wurde die soziale Isolierung durch Racial Profiling thematisiert (vgl. Bogestede et al. 2021, GWA St. Pauli e.V.). Racial Profiling stellt somit einen auf Stigmatisierung beruhenden Auswahlmechanismus dar (vgl. Niemz/Singelnstein 2022, 344). Durch diese diskriminierende Pra-xis werden stigmatisierende Stereotypen legitimiert und weiter reproduziert (vgl. Golian 2019, 177). Ein Rückbezug auf die Einleitung verdeutlicht die Relevanz des Themas. Die Stigmatisierung von Migrant*innen als „kriminell“ und „bedrohlich“ kann von politischen Akteuren auch gezielt genutzt und verstärkt werden. Der politische Diskurs, wie er etwa von der AfD geprägt wird, stellt Migration nicht nur als ein Problem dar, sondern erzeugt und legitimiert Stigmatisierungsprozesse aktiv (vgl. Fuchs et al. 2025 12f.). Wenn gesellschaftliche Vielfalt pauschal als Bedrohung dargestellt wird, entstehen Räume, in denen diskriminierende Praktiken wie Racial Profiling nicht nur möglich, sondern systematisch normalisiert werden. Diese Normalisierung von Ausgrenzung prägt das gesellschaftliche Bewusstsein und stabilisiert bestehende Macht- und Ungleichverhältnisse. Abschließend ist anzumerken, dass nicht alle bestehenden sozialen Ungleichheiten und rassistische Strukturen alleinig auf Stigmatisierung zurückzuführen sind, sondern Stigmatisierung diese begünstigt und weiter produziert. Dennoch ist es wichtig, dass soziale Arbeit sich für eine Entstigmatisierung von Migrant*innen einsetzt. Dadurch, dass Stigmata gesellschaftlich defi-niert sind, können diese Definierungsprozesse von dem, was normentsprechend ist, beeinflusst werden. Hierfür ist zukünftig unter anderem eine realistische und wertfreie mediale Darstellung von Migrant*innen erforderlich, die zu einer Entstigmatisierung von diskriminierenden Stereotypen beitragen kann. Des Weiteren müssen privilegierte Mitglieder der Mehrheitsgesellschaft sich den stigmatisierenden Strukturen bewusstwerden. Um eine gerechte Teilhabe in einer pluralistischen und vielfältigen Gesellschaft für alle Beteiligten zu ermöglichen, müssen sowohl diskriminierende gesellschaftliche Strukturen als auch die individuellen Verhaltensweisen auf der sozialen Ebene verändert werden. In diesem Kontext kommt der Forschung eine zentrale Rolle zu, da sie dazu beitragen kann, stigmatisierende Diskurse zu erkennen, ihre Auswirkungen auf Betroffene aufzuzeigen und Grundlagen für politische und gesellschaftliche Gegenstrategien zu schaffen.
URI: https://hdl.handle.net/20.500.12738/18848
Einrichtung: Fakultät Wirtschaft und Soziales (ehemalig, aufgelöst 10.2025) 
Department Soziale Arbeit (ehemalig, aufgelöst 10.2025) 
Dokumenttyp: Abschlussarbeit
Abschlussarbeitentyp: Bachelorarbeit
Betreuer*in: Weidner, Jens 
Gutachter*in: Vaudt, Susanne  
Enthalten in den Sammlungen:Theses

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