| Titel: | Tiergestützte Traumapädagogik zur Bindungsförderung : die Integration des Therapeutischen Reitens in die Frauenhausarbeit ; Chancen, Wirksamkeit und Herausforderungen von Tier-Mensch-Beziehungen bei Kindern mit Bindungsstörungen | Sprache: | Deutsch | Autorenschaft: | Tegtmeyer, Lisa | Erscheinungsdatum: | 19-Feb-2026 | Zusammenfassung: | Ausgangspunkt dieser Arbeit war die Suche nach einem traumasensiblen und bindungsfördernden Angebot für Kinder, die gemeinsam mit ihren Müttern* in Frauenhäusern Schutz suchen. Diese Kinder gelten nicht nur als Mitbetroffene häuslicher Gewalt, sondern sind als eigenständige Opfer von häuslicher Gewalt ernst zu nehmen – mit spezifischen Entwicklungsbedarfen und einem erhöhten Vorkommen von Bindungsstörungen. Ihre Lebensrealität ist geprägt von Instabilität, Überforderung, Vertrauensverlust und tiefgreifenden Beziehungserfahrungen, die häufig als ambivalent oder gar gefährlich erlebt wurden und langfristige Folgen mit sich ziehen. Die zentrale Fragestellung befasste sich daher damit, inwiefern das Therapeutische Reiten – als Teil der tiergestützten Pädagogik, eine sinnvolle Ergänzung zur traumapädagogischen Arbeit im Frauenhaus darstellen kann, und welche Potenziale sich daraus für die pädagogische Arbeit im Frauenhaus ergeben könnten. Im theoretischen Teil dieser Arbeit wurde deutlich, dass sowohl die Bindungstheorie als auch traumapädagogische Konzepte die Relevanz von Beziehungserfahrungen für die kindliche Entwicklung betonen. Während Bowlby und Ainsworth herausarbeiteten, wie sichere Bindungen als emotionale Basis für kindliche Selbstregulation und Exploration fungieren, verweist die Traumapädagogik auf die Bedeutung von Schutzräumen, Struktur und emotionaler Co-Regulation in der pädagogischen Arbeit mit Kindern, die Gewalterfahrungen machen mussten. Die TGP schafft einen beziehungsorientierten Erfahrungsraum, in dem Kinder über die Interaktion mit einem Tier – beim Therapeutischen Reiten mit einem Pferd – neue, korrigierende Beziehungserfahrungen machen können, ohne den Druck klassischer Gesprächssettings. Der Praxiseinblick verdeutlicht, dass Kinder mit belasteten Bindungserfahrungen über die Beziehung zu einem Tier emotionale Stabilität, Selbstwirksamkeit und korrigierende Bindungserfahrungen erleben können. Diese Beziehung zum Tier wirkte als ein emotionaler Katalysator, der den Zugang zu sich selbst, zu anderen (auch zu der Frauenhausmitarbeiterin) und zur Welt erleichtert hat. Auch wenn die Ergebnisse des Praxiseinblicks nicht im Sinne klassischer Wirksamkeitsforschung verallgemeinert werden können, liefern sie doch praxisnahe und anschauliche Hinweise auf das Potenzial tiergestützter Arbeit, insbesondere im Schutzraum Frauenhaus. Auf theoretischer Ebene bestätigten sich zentrale Annahmen der Bindungstheorie, insbesondere die Funktion einer „sicheren Basis“. Das Pferd konnte – zumindest temporär – die Rolle einer stabilen Bezugsperson übernehmen, frei von Erwartungen, Bewertungen oder negativen Beziehungsmustern. Auch die Prinzipien der Traumapädagogik wie unter anderem Sicherheit und Beziehung auf Augenhöhe – wurden durch das Therapeutische Reiten konkret umgesetzt. Die Kinder erlebten das Pferd als „sicheren Ort“: Es bot emotionale Stabilität, physische Nähe und verlässliche Interaktion. Durch die rhythmischen Bewegungen beim Reiten, das Getragen werden und die Körpersprache des Tieres wurde zudem die eigene Körperwahrnehmung aktiviert. Die Wirkung zeigt sich auf mehreren Ebenen: Auf emotionaler Ebene können Ängste reduziert, Vertrauen aufgebaut und Gefühle benennbar gemacht werden. Auf sozialer Ebene können mithilfe des Beziehungsdreiecks zwischen Pferd, Reittherapeut*in und Kind Kommunikationsfähigkeiten gefördert, Verantwortung übernommen und Teamfähigkeit gestärkt werden. Psychologisch zeigte sich ein Zuwachs an Selbstwirksamkeit, Selbstwert und innerer Sicherheit und Balance. Physiologisch belegt die Forschung eine Reduktion von Stresshormonen und die vermehrte Ausschüttung von Oxytocin. Diese multidimensionalen Effekte machen das Therapeutische Reiten zu einer wertvollen Ergänzung in der pädagogischen Arbeit mit Kindern, die in der frühen Kindheit Gewalterfahrungen machen mussten. Dabei trägt es nicht nur zur Stärkung des Wohlbefindens bei, sondern eröffnet auch Zugänge für die weitere pädagogische Arbeit im Frauenhaus und erweist sich insbesondere in der Beziehungsarbeit sich als bindungsfördernd. Gleichzeitig dürfen die Grenzen nicht ausgeblendet werden. Nicht jedes Kind ist in der Lage, sich auf eine Tierbeziehung einzulassen – insbesondere Kinder mit starker Unruhe, Aggressionen oder sehr hohem Angstniveau benötigen eine fachgerechte Gefahreneinschätzung oder alternative Angebote. Zudem ist die Implementierung Therapeutischen Reitens im Alltag eines Frauenhauses mit erheblichen strukturellen, personellen und ethischen Herausforderungen verbunden. Reittherapeut*innen benötigen traumapädagogische Zusatzqualifikationen und müssen strenge Auflagen bezüglich des Tierwohls einhalten. Die Haltung und Pflege der Pferde muss gesichert sein, ebenso wie deren Schutz vor Überforderung oder Instrumentalisierung. Besonders die finanziellen und personellen Ressourcen für eine Begleitung zum Therapeutischen Reiten sind in vielen Frauenhäusern derzeit nicht verfügbar. Trotz dieser Herausforderungen überwiegt in der Gesamtbetrachtung das Potenzial: TGP – insbesondere in Form des Therapeutischen Reitens – bietet einen Zugang zu Kindern, die sprachlich wenig erreichbar und emotional verschlossen sind oder tief verankerte unsichere Bindungsmuster verinnerlicht haben. Das Therapeutische Reiten eröffnet Erfahrungsräume, in denen Heilung im Sinne von emotionaler Sicherheit, Vertrauen und Selbstwirksamkeit möglich wird und mit einem Tier korrigierende Beziehungserfahrung gemacht werden können. Vor dem Hintergrund der Ergebnisse dieser Arbeit soll ein Ausblick skizziert werden, wie Therapeutisches Reiten im Frauenhauskontext langfristig integriert und fachlich weiterentwickelt werden kann. Von zentraler Bedeutung ist es, evaluierte Langzeitdaten zu gewinnen, um die Nachhaltigkeit und pädagogische Tragfähigkeit des Einsatzes von Reittherapie einschätzen zu können. Es wäre daher wünschenswert, gezielt Studien durchzuführen, die den langfristigen Einfluss tiergestützter Interventionen, spezifisch mit dem Medium Pferd, untersuchen und so zur wissenschaftlichen Fundierung dieses pädagogischen Ansatzes beitragen. Für die Praxis bedarf es klar definierter Qualitätsstandards, die Aspekte wie Tierethik, Kinderschutz, Fachlichkeit und Gestaltung des Reittherapeutischen Settings berücksichtigen. Dabei ist die Verbindung von Fachwissen aus der Sozialen Arbeit, Psychologie, Reittherapie und Tierpflege essenziell, um tragfähige und verantwortungsvolle Angebote zu entwickeln. Das Therapeutische Reiten darf nicht, wie momentan gehandhabt, von Projektgeldern oder Spenden abhängen. Es braucht eine strukturelle Verankerung im Hilfesystem, mit verlässlicher Finanzierung, politischer Rückendeckung und gesellschaftlicher Anerkennung. Gleichzeitig sollten Strukturen geschaffen werden, um möglichst vielen Kindern im Frauenhaus den Zugang zu solchen Erfahrungsräumen zu ermöglichen. Angesichts der tiefgreifenden Belastungen, die diese Kinder erfahren, wäre es wünschenswert, zukünftige Konzepte nicht nur für, sondern mit den betroffenen Kindern zu entwickeln. Die Rückmeldungen, Erfahrungen und Bedürfnisse der Kinder sind die besten Beiträge für die Praxisentwicklung. Abschließend lässt sich festhalten, dass Therapeutisches Reiten mehr als ein nettes Hobbyangebot ist – es ist ein ernstzunehmendes pädagogisches Instrument, das Kindern in belastenden Lebenslagen neue Perspektiven eröffnen kann. Im geschützten Kontakt mit dem Pferd können sie Beziehung ohne Bedrohung; Nähe ohne Angst; Verantwortung ohne Überforderung erleben. Die größte Stärke der Reittherapie liegt darin, wo Sprache endet – in der nonverbalen, körperlich erfahrbaren Kommunikation zwischen Kind und Tier. Da, wo Worte fehlen, kann das Pferd ein verlässlicher Übersetzer sein – für Gefühle, Bedürfnisse und Beziehungserfahrungen, die lange unterdrückt wurden. Damit wird das Pferd nicht zum Ersatz, sondern zum Türöffner zu korrigierenden Beziehungserfahrungen. Eine Brücke zwischen innen und außen. „Ich hab gedacht, ich kann das nicht – aber das Pony hat an mich geglaubt.“ (A., sieben Jahre, Anlage I.III, XXVII) |
URI: | https://hdl.handle.net/20.500.12738/18992 | Einrichtung: | Fakultät Wirtschaft und Soziales (ehemalig, aufgelöst 10.2025) Department Soziale Arbeit (ehemalig, aufgelöst 10.2025) |
Dokumenttyp: | Abschlussarbeit | Abschlussarbeitentyp: | Bachelorarbeit | Betreuer*in: | Groen, Gunter |
Gutachter*in: | Galling, Britta |
| Enthalten in den Sammlungen: | Theses |
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| Tiergestützte Traumapädagogik zur Bindungsförderung_BA.pdf | 6.06 MB | Adobe PDF | Öffnen/Anzeigen |
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